Von Gewittern, Schäfern, Hunden und
der tierischen Intuition, das Richtige zu tun
Wir begannen auf der anderen Seite des Sattels
aufzusteigen. Die Wettersituation schien sich gebessert zu haben.
Was wir nicht wussten war, dass sich der Gewittermob nur tückisch
hinter einen anderen Berg verkrochen hatte und hämisch grollend
darauf wartete uns in einer möglichst ungünstigen Situation
zu erwischen.
Wir nichtsahnend, die Rucksäcke aufschwingend, verließen
unseren Rastplatz und Hurra, nach ca. 20 min begann es zu regnen.
Zuerst nicht besonders stark, aber immer mehr zusetzend. Es setzte
Wind ein, zunächst nicht stark, leicht böig, aber doch
ausreichend kalt um ein unangenehmes Gefühl zu erzeugen.
Wir stapften weiter bergauf, der Michael und ich waren etwas vorneweg.
Schließlich kamen wir zu einem großen zerklüfteten
Felsbrocken. Was wir nicht ahnten war, dieser hausgroße
Brocken sollte für die nächsten Stunden unser Unterschlupf
sein.
Wir zogen im mittlerweile unangenehm starken Regen an dem Klotz
vorbei, als uns, sich von dem Dunkel der felsigen Vertiefungen nur
leicht abhebend, jemand leise anrief. Bei genauerem Hinsehen konnten
wir einen Schäfer, in eine schmutzig grau, braune Decke gehüllt,
mit seinem Hund ausmachen, der sich hier oben untergestellt hatte.
Wir stoppten und begaben uns zu dem Schäfer, dessen Unterschlupf
leider nicht so groß war, wie er zunächst aussah. Na
ja immerhin hatten wir drei so viel Platz, dass der Oberkörper
und ein Teil der Beine geschützt waren. Der treue Schäferhund,
ein ziemlich struppiger beigebraun farbener Mischling, war wahrscheinlich
von unserer Ankunft nicht so sehr begeistert, weil er aus dem schützenden
Schatten des Felsens noch weiter in den Regen hinausgedrängt
wurde.
Nach einer Zigarette, beschlossen wir hier so lange zu warten, bis
der Sturm und der Regen nachgelassen hätten. Der Regen war
mittlerweile in eine stark aufgedrehte Dusche ausgeartet und der
Sturm so wütend, dass die Regentropfen an unserem bescheidenen
Unterstand fast waagrecht vorbeischössen
Der Markus und der Bernie hatten bei uns keinen Platz mehr. Sie
mussten sich selbst einen Unterstand suchen. Sie fanden einen, oder
keinen, wie man will, hinter einer senkrechten Mauer eines anderen
Felsklotzes, nur gegen den Wind geschützt, aber dem Regen erheblich
ausgesetzt, malerisch platziert, zwischen einem riesigen Haufen
und einer Müllkippe - die besser geschützt gewesen wäre,
aber wir wissen ja - Karpatenregel 1.
Wir hatten einen richtig guten small talk mit dem Hirten, über
das Wetter natürlich. Jeder sah, wie beschissen es war drum
hätte die Verständigung wohl auch auf altgriechisch bestens
funktioniert.
Der Sturm wurde immer heftiger, der Regen hatte aufgehört und
es wurde immer noch kälter, der Wind warf wütend wuchtige
Hagelkörner über den Kamm, die pfeilschnell knapp an uns
vorbeisausten.
Der Schäfer, der Hund und ich waren mittlerweile allein unter
unserem Unterstand, weil der Michi eine andere Felsspalte gefunden
hatte, in die er hineinkletterte und hier die Zeit absaß.
Die Luft und mit ihr die Umgebung wechselten unmerklich ihre Farbe,
sogar der Geruch und der Geschmack wurden andere. War vorher noch
alles grauneblig und gehetzt durch den Wind an uns vorbeigetrieben,
so fielen jetzt nur noch gelegentlich einzelne Regentropfen beiläufig
an uns vorbei zu Boden durch den schmutzig gelb gewordenen Hintergrund
der felsig alpinen Gegend Ein grelles Leuchten durchschnitt die
ätzendschwefelgelbe Suppe in die sich unsere Umgebung verwandelt
hatte, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Schlag, der sich
grollend und drohend in den Tälern fortsetzte.
Die Gewissheit ein klein wenig behütet zu sein, ich hatte ja
den Hirten an unserer Seite, der sicherlich schon Dutzende - ach
was hunderte - Gewitter mitgemacht hatte, machte uns zu stoisch
wartenden, stumm-staunenden Zeugen dieser prächtigen Naturgewalt.
Die Gewissheit verließ mich schnell, nachdem der zweite Blitz,
von einem gewaltigen, gegenwärtigen und grantig-grollenden
Donnerschlag begleitet, seine prächtige, bedrohliche Gewalt
in die Wolken gezeichnet, hinterließ.
Mein Schutzpatron, der Grund meines Stoizismus, die Gewissheit nicht
der Unbill der Natur völlig hilflos ausgeliefert zu sein, sondern
hier ruhig auf bessere Zeiten warten zu
können, verließ uns. Ach was, er flüchtete. In riesigen
Schritten rannte er bergab, in seinen ausgelatschten und wohl viel
zu großen Gummistiefeln unsicher schlingernd, den Kopf eingezogen
und die Decke um seinen Körper geschlungen. Ja wirklich, der
Hirte, der König der Transylvanischen Alpen hatte uns verraten,
ohne Gruß nur mit einem ängstlichen Grunzen zum angsterfüllten
Blick war er geflüchtet. Ha ! dachte ich, wer braucht schon
Hirten, der treue Schäferhund, des Schäfers Freund in
jeder Stund’, ließ sich von der plötzlichen Panik
seines Herrchens nicht anstecken, freute sich , dass er jetzt wieder
mehr Platz hatte unter dem Felsen und tröstend drückte
er sich sogar ein ganz klein wenig an mein Bein. Ich klemmte mich
in ca. 1,2 m Höhe zwischen Felsteile, verschränkte die
Arme und war so vor dem inzwischen wieder sehr stark eingesetztem
Hagel einigermaßen geschützt. Mittlerweile war es dennoch
schon sehr kalt geworden.
Plötzlich fiel mir siedend heiß ein Plakat in der Podragu
Hütte ein, dass darstellte was bei Gewitter zu tun sein. Die
beiden Wichtigsten Punkte waren:
Nicht auf dem Kamm aufhalten - hier genau auf dem Kamm.
Nicht unter Felsvorsprüngen sitzen, weil sie vom Blitz getroffen,
herunterstürzen - wo saß ich ?
Nach kurzem Nachdenken beschloss ich, mich an die Vorgaben der Bergwacht
zu halten und lief im Regen bergab. Wild stolperte ich hinab, es
war nicht besonders steil, strauchelte, von den peitschenden Körnern
halb blind, über die groben Geröllfelder.
Ein Knurren ließ mich jäh stoppen. Ich blieb stehen und
schaute auf. Vor mir stand ein Hund und ca. 30 m entfernt seine
Herde. Die Hunde tun nichts, laut Führer, wenn der Hirte in
der Nähe ist und sind sogar meist dann schon ungefährlich,
wenn man weit genug von ihrer Herde wegbleibt.
Der Hirte war weggelaufen und die Herde nicht mal einen Steinwurf
entfernt. Mittlerweile waren es drei Hunde, die überlegten,
ob sie mich angehen sollten oder nicht.
Drei von diesen, mehr wilden als gezähmten Tieren, die ohne
zu Zögern einen Bären zum Kampfe stellen und es auf Leben
und Tod mit Wölfen aufnehmen, würden mit solch einem kleinen
dahergelaufenen Blödmann wie mir, sicherlich kurzen Prozess
machen. Zwei von Ihnen begnügten sich damit, nachdem ich stehen
geblieben war, mich weiter anzubellen, was ich gern als gutes Zeichen
deutete. Der Dritte aber, ein abgemagerter, zotteligdreckiger, zähnefletschender
Zerberus, kam immer weiter auf mich zu. Geduckt, sein Knurren leise
und drohend, die Lefzen nach oben gezogen, die Zähne gefletscht.
Natürlich ging ich rückwärts Schritt hinter Schritt,
peinlich darauf bedacht, nicht zu stürzen und keine falschen,
zu schnellen Gesten zu machen, immer den Hund beruhigend ansprechend.
Aber nachdem ich ca. 25 m so zurückgewichen war im Hintergrund
Blitz und Donner, und er immer noch hinter mir herschlich, manchmal
leicht die Zähne bleckend, hatte ich die Schnauze voll.
Ich zog den Anti- Bären Spray, den mir mein Onkel,
ein begeisterter British - Columbia-Fliegenfischer für den
Fall der Fälle mitgegeben hatte, löste die rote Sicherungslasche,
die beruhigend zuverlässig den Druckknopf freigab und sprühte
kurz in Richtung des Hundes. Der Wind stand allerdings quer zu mir
und dem Hund, und so bekam er nicht besonders viel ab, aber genug,
dass er ziemlich verdutzt schaute und, als ich zügig und entschlossen
den Rückmarsch zum Gipfel antrat, von mir abließ. Ich
ging dann wieder zu meinem Unterstand, wo der kluge Hirtenhund auf
mich wartete und ich beschloss daran zu glauben, dass Hunde und
Tiere im allgemeinen in solchen Situationen sowieso einen sechsten
Sinn besäßen und dieser Hund genau wüsste, warum
er hier war und ich deshalb in absoluter Sicherheit.
Die Begründung dafür, dass er den Michael nach dem Ende
des Gewitters anknurrte, weil der seinen Rucksack wieder holen wollte,
lasse ich hier dahingestellt.
Zwei Stunden verbrachten wir schon hier auf dem Kamm und die Kälte
kroch unaufhaltsam immer tiefer durch die, ohnehin durchnässten
Sachen und kämpfte sich immer weiter Richtung Körperinneres,
was zunehmender Schüttelfrost verhindern wollte. Die wage Hoffnung
unsere Tour doch noch fertig machen zu können, verließ
uns immer mehr und so fing ich mit Michael, der das Gewitter in
seiner Felsspalte eingeklemmt überstanden hatte, an die beiden
anderen zu suchen. Wir kamen alle zu dem Schluss, dass es das Beste
sei, sobald der Regen, der immer noch gnadenlos kalt und schnell
über den Kamm peitschte, aussetzte, das Zelt aufzubauen und
hier zu übernachten.
Gesagt getan, jeder ging zu seinem Unterstand zurück und wartete
auf die Möglichkeit zum Aufbau, die allerdings auf sich warten
ließ. Die Kälte bekam uns immer fester in ihren schüttelnden
Griff.
Schließlich war es soweit, der Regen hatte nachgelassen und
wir beschlossen es zu wagen. So schnell es mit unseren steifen und
kalten Beinen ging, staksten wir zum Unterstand der anderen. Markus
kam uns entgegen. Bernie wollte sich auf den Weg zum Refug machen,
weil ihm die Kälte und die Warterei einfach zu blöd geworden
war. Er war noch nicht weit und blieb dann doch da. Michi und ich
begannen mit dem Aufbau unseres Zeltes. Das Zelt -ein Kuppelzelt
- besteht aus einem inneren und einem äußeren Teil. Zunächst
muss man die Stangen des Innenzeltes aufstellen, dann kann man daran
das Innenzelt anklipsen. Über dieses Innenzelt wirft man dann
die Plane, die mit ihm verbunden wird, und dem Zelt, im Boden verankert,
Halt gibt. Wir hatten mit der Zeit soviel Routine, dass wir vom
Beginn des Aufbaus des Innenzeltes bis zum Überstreifens des
Außenzeltes nicht mehr als drei Minuten brauchten.
Natürlich fing es genau nachdem wir das Innenzelt aus der Verpackung
heraus hatten so
brutal zu schiffen an, dass wir innerhalb dieser drei Minuten ungefähr
5 Liter Wasser im Zelt
hatten. Da lagen wir also, wir vier, in einem Dreimann Zelt, im
tiefsten Eck des Zeltes - natürlich war der Platz nicht besonders
eben - hatten wir einen großen Stein platziert, um den sich
ein, unter anderen Umständen, durchaus malerischer See gebildet
hatte. Keiner bewegte sich und niemand sagte etwas, nur das Schnattern
der Lippen und Zähne war zu hören und das wütende
Toben des Windes, der unsere Heringe testete.
Wir hatten auf jeden noch einen wirklich schweren Stein gelegt.
Es wurde immer kälter. Wir mussten uns und das Zelt trocken
bekommen, um die Nacht unbeschadet zu überstehen.
Der Wind riss unvermindert an den Zeltwänden und wir lauschten
ständig, ob er noch seine Tropfen an unsere Außenhaut
schleuderte, aber es hatte aufgehört zu regnen. Ich stieg aus
dem Zelt und rannte so schnell wie möglich um es herum, um
wenigstens wieder ein bisschen Blut vor allem in meine Hände
zu bringen. Währenddessen schöpften die anderen mit einem
Topf das Zelt aus, den ich dann draußen ausleerte.
Nach einigen Minuten Rennen war mir schon ein wenig wärmer.
Markus und Bernie, die das Zelt den ganzen Abend nicht mehr verließen,
putzten es mit einem Handtuch noch schön aus, und so konnte
man der Nacht schon zuversichtlicher entgegenschauen. Die aufgeblasenen
Therma-rest Isomatten stellten wir in den eisigen Wind und nach
1 h waren sie wieder trocken. Zwischenzeitlich zogen wir uns um
und waren in unseren trocknen Sachen glücklich wie selten.
Unten im Tal sahen wir goldgelb das weite Land - es war überstanden.
Am Abend im Zelt, an der Decke hing eine Maglite, in die Schlafsäcke
gemummelt - Bernie in eine Decke von der Podragu - Baude, - spielten
wir noch zwei Stunden Schafkopf um schließlich in einen tiefen,
dankbaren Schlaf zu sinken.
Freunde und Partner:
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