Die Rumänen und ihre Berge
Wohl bei jedem Volk, das in der Nähe von
Bergen lebt, ist das Phänomen zu beobachten, dass es diese
Berge glorifiziert. Jeder aber wirklich jeder, ob er ein Tal schon
mal von oben gesehen hat oder nicht hat im Mindesten einen Freund,
der schon wochenlang die Gipfel unsicher gemacht hat. Wenn das Gespräch
dann auf Berge kommt, schlägt er sofort einen ernsten, beschwörend
verehrenden Ton an, als spräche er einen Amtseid vor dem Bundestag
und schwärmt von den schönsten Bergen der Welt, den Seinen.
Dieses Phänomen lässt sich übrigens auch sehr gut
beim Michael beobachten, der, kommt das Thema auf Berge, im besonderen
natürlich seine Kärrner Heimatberge, erst mal einige schöne
Heimatsprüche über Berge und die Menschen in ihnen in
astreinem Kärtner Dialekt auswendig aufsagt.
„ Auf die Berge musst du steigen, wird dir weh
im
dunklen Tal.
Auf den Bergen kommt zum Schweigen was dir
Sorgen macht und Qual."
„Menschen die auf Berge steigen, verknüpft ein
unsichtbares Band, man fühlt sich mit dem andern, im
Herzenssinne, nah verwandt".
Menschen, die die Berge lieben, widerspiegeln
Sonnenlicht, die andern, die im Tal geblieben - verstehen
ihre Sprache nicht."
Nun sind, ganz ehrlich, die rumänischen
Berge auch wirklich etwas ganz besonderes und einfach traumhaft
schön. Wenn man oben steht auf dem Kamm der Muntii Fagarasch,
meist eingehüllt in Regen oder zumindest Wolken, und hinabblickt
in die Täler, die von Bächen versorgt, größtenteils
alten mächtigen Baumbestand tragen und den Blick weiter wandern
lässt ins Landesinnere, das, von der Sonne beschienen, goldengelb
leuchtet, dann ist dass das entscheidende Moment, das nötig
ist um wirklich Abstand zu gewinnen und die Seele baumeln zu lassen.
Ach ja, die kompromisslose Beziehung der Rumänen zu ihren Bergen.
Das erste Erlebnis, das wir hatten war bereits auf der Busfahrt.
Unser Bus war nicht ganz in Ordnung, eine Glühlampe war defekt,
was eine österreichische Kontrolle merkte und so fuhren wir
in Rumänien eine Station der Busfirma an, um ihn wieder in
Ordnung zu bringen. Eigentlich sollte die Reparatur weniger als
fünf
Minuten in Anspruch nehmen. Bei dieser Zeitangabe hatte der Busfahrer
aber nicht mit einem kleinen Tolpatsch namens Nitschko gerechnet,
der in seiner Langeweile furchtbar wichtig schauen musste, in die
Werkstatt ging und die einzige Ersatzlampe, die einbaufertig am
Boden lag, zertrat.
Auf jeden Fall gab's dann erst mal Kaffee und wir kamen mit einem
jungen Mann ins Gespräch, der Englisch konnte und uns dann
netterweise noch half dem Busfahrer klar zu machen, wo wir aussteigen
wollten. Übrigens hatte der Kerl eine Schwester, die uns erstens
immer brav den Kaffee brachte und zweitens die allerschönsten
dunkelbraunen Augen hatte, die ich je gesehen habe - nur am Rande.
Na ja, nachdem er von unserem Vorhaben erfahren hatte, sah er uns
an , machte ein bedenkliches, ernstes Gesicht und fragte uns nach
unserer Ausrüstung. Er berichtete uns dann, dass sein Bruder
mit einem Freund jedes Jahr einmal im Sommer und einmal im Winter
in die Berge ging, auch den Hauptkamm, und dass wir unbedingt 5
Liter Benzin und eine große Axt mitnehmen sollten, um uns
zu versorgen.
Der Rat ist sicher nicht schlecht, wenn man sich ohne Kocher in
den Wäldern aufhält. Aber in den ganzen 11 Tagen, in denen
wir in den Bergen waren sahen wir auf dem Hauptkamm keinen einzigen
Baum, den wir hätten schlagen können, geschweige denn
Totholz zum Verbrennen und wir waren nach der Tour wirklich froh,
dass wir nach ca. 4-stündigen Beratungen beschlossen den, mit
so gewichtiger Stimme gegebenen, Rat auszuschlagen.
Das zweite Erlebnis, dass ich hier schildern will, trug sich beim
Aufenthalt auf der ersten Hütte zu. Wir waren bereits gegen
17.00 angekommen, unsere Zimmer waren bezogen und unser restlicher
Tagesablauf bestand darin, auf der Terrasse vor der Hütte die
Esel und Schafe zu beobachten und auf den Berg hinaufzustarren,
um zu sehen, ob noch jemand und wer noch kommt. So vergingen die
Stunden und der Abend nahte, die Luft wurde kühler, der Himmel
klarte wieder auf. Schließlich hatte die Dunkelheit von den
prächtigen Bildern im See nur noch Schatten übriggelassen,
allerdings begann bereits die Spätvorstellung und man konnte
erahnen, dass bald der See bedeckt sein würde, von funkelnden
Sternen.
So standen wir da und schauten in Richtung Kamm. Da, blitzte da
nicht ein Licht hervor?
Und wieder? Wir gingen in die Hütte, um einem Rumänen
von der hiesigen Bergwacht darauf aufmerksam zu machen. Er kam raus
und blickte in den Berg, doch da war von der Taschenlampe schon
nichts mehr zu sehen. Sollten wir uns etwa geirrt haben? Wir tranken
noch einen Tee in der Dunkelheit betrachteten die Sterne im See,
als plötzlich vom Berg her ein rutschendes, schlürfendes,
rauhes, sattnasses Geräusch kam. Ein Geräusch eben, wie
es nur ein Schuh machen kann, der in einem ausgewaschenen Pfad,
dessen Grund zum einen aus bereits freigelegtem Gestein und zum
anderen aus noch nicht weggewaschenem rutschigen Erdreich besteht,
verursachen kann. Erschrocken starrten wir hinauf. Und wirklich,
wir hatten uns nicht getäuscht. Aus der Dunkelheit schlürften,
keuchten und krochen ca. 15 völlig erschöpfte Bergwanderer
- von der Altersstruktur ließ sich auf eine Großfamilie
schließen.
Die älteste Frau, die nach einem Fußmarsch, der egal
wie betrachtet, nicht kürzer als 10 h gewesen sein konnte,
von ca. 2400 m Kammhöhe auf diese Hütte herabgestiegen
war, war ca. 65 Jahre alt. Die Zweitälteste schätze ich
auf 45. Sie war nicht besonders groß von Statur, eher etwas
fester und hatte ein Outfit, dass vermutlich nicht einmal der hartgesottenste
Flachlandtiroler auf eine solche Tour anziehen würde.
Man sah, dass sie sehr auf ihr Aussehen bedacht war. Sie trug ein
enges Oberteil, dazu so etwas wie einen Wickelrock, eine Jacke war
nicht erkennbar, vor allem trug sie eine ziemlich dicke Schicht
ziemlich auffälliger Schminke und man höre und staune,
mächtige Plateauschuhe.
Ein großer, schlanker Mann um die 30, offensichtlich der Führer
der Gruppe, trug die unverzichtbare Axt und einen 5 l- Kanister
zu seinem ohnehin gigantischen Rucksack auf dem Buckel, war völlig
am Ende und sicherlich heilfroh hier angekommen zu sein, zumal die
Gruppe keinerlei Zelte oder dergleichen bei sich hatte.
Dann waren da noch ca. 5 weitere Erwachsene, noch einmal ca. 5 Kinder
und ein paar Jugendliche.
Ha, und alle zogen noch in unseren Schlafsaal -da gings zu. Alle
waren sichtlich erleichtert, dass sie es geschafft hatten, die Oma
legte sich hin und war so froh und vermutlich auch erschöpft,
dass sie sich weigerte wieder aufzustehen, die Kinder turnten schon
wieder fröhlich an den Stockbetten entlang. Oft schliefen zwei
manchmal drei Erwachsene in einem Bett, was aber niemanden nach
diesen Strapazen störte. Schließlich machte man sich
fertig, noch etwas essen zu gehen. Die Plateauschuhdame zog aus
einem Täschchen ein Schminkzeug heraus, malte sich an und dann
gingen alle hinunter ,um Schlonz mit Brei zu genießen - und
ich wette, sie haben es genossen.
Die Regel, die uns jemand von der Bergwacht gesagt hat, hier zu
platzieren ist zwar nicht sehr taktvoll, ich will sie aber dennoch
nicht vergessen.
“Wenn Touristen tot, nicht schlimm, nur wenn wir sie finden,
viel Ärger und Formalitäten!!!.“
Jetzt aber wieder zurück zu unserer eigenen Lage, in der wir
uns vor dem Exkurs befanden.
Wir standen also am Fuße des Gipfels, ca. 150 steile HM über
uns sahen wir das Kreuz, hinter dem sich bereits drohend Gewitterwolken
auftürmten. Wir durften, um nicht in hoffnungslos schwierige
Kletterei zu geraten, nicht den üblichen rot-weißen Markierungen
folgen, die uns in direkt zum Gipfel geführt hätten, sondern
gelben, die etwas weiter am Berg entlang, steil im Geröllfeld
nach oben gingen.
Markus ging vor, Michael und ich warteten noch eine Weile und gingen
dann hinterher, Bernie ging etwas hinter uns. Nach einiger Zeit
sahen wir ihn und zwar etwas über uns allerdings dem rot-weißen
Pfad folgend. „Hey hier ist der richtige Weg, da drüben
ist elendigliche Kletterei !!"schrien wir. „Nee Ich kann
hier ja schon den Gipfel sehen, ich bin gleich oben." schrie
und keuchte er zurück. „Na ja, schöne Scheiße",
sagte ich zu Michael; „jetzt sind wir auf diesem blöden
Kletterstück, aber jetzt dreh’n wir auch nimmer um".
Michael war der gleichen Meinung . Als wir endlich oben waren, es
war ein Geröllfeld zu überwinden gewesen, steil und lose
und mit 26 kg Gepäck auf dem Rücken doch anstrengend aber
eigentlich nicht zu schlimm, stapften wir die letzten Meter auf
relativ gerader Strecke dem Gipfel zu und erwarteten die Gesichter
von Bernie, der sich auch für diesen Weg entschieden hatte,
und Markus fett grinsend am Gipfelkreuz stehend.
Doch fett grinsend saßen da nur Bergwachtler, die gerade mal
eine Jacke und ein Funkgerät dabei hatten und sich natürlich
über unsere Rucksäcke und unser Geschnaufe riesig freuten.
Sie gaben uns die Auskunft, dass das Gewitter in ca. l Stunde beginnen
würde. Nun ja nach ca. 15 Minuten verließen uns die Bergwachtler
und wir warteten weiter, bis nach einiger Zeit auf einmal der beige
Hut von Markus, der Bergziege, Eibel am Horizont erschien. Er rannte
schreiend, man konnte das Adrenalin fast riechen, die letzten Meter
zum Gipfel, wenig später von Bernie gefolgt, der sich dem Gipfel
weit weniger enthusiastisch näherte - Der Gipfel war doch ein
klein wenig weiter weg gewesen, als es den Anschein hatte. Jedenfalls
hatten doch die beiden den schlimmen Teil erwischt, was dem Markus
bei einem falschen Tritt fast das Leben gekostet hätte.
Jedenfalls waren wir alle gut angelangt am Gipfel, der auf der anderen
Seite sanft in einen weitläufigen Sattel hinabglitt. Am tiefsten
Punkt des Sattels, ich hatte den Gipfel etwas vorher verlassen,
stieg ich ab, holte Wasser und stieg wieder auf: Bis dahin waren
alle da, hatten etwas gegessen, waren ein kleines bisschen erholt
und das Wetter sah auch gar nicht mal mehr so schlecht aus - und
so trafen wir die wohl falscheste Entscheidung auf der Tour, wir
wollten unsere Tagesetappe, die an einem Refug endete, noch zu Ende
gehen, was noch ca. 1 - 1 1/2 Stunden in Anspruch genommen hätte.
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